dravet.ch Dravet Syndrom Was ist das Dravet Syndrom?

Was ist das Dravet Syndrom?

Das Dravet Syndrom (DS) ist eine sehr seltene und schwere Epilepsieform. Diese Epilepsieform wurde im Jahr 1978 zum ersten Mal von der französischen Ärztin Dr. Charlotte Dravet beschrieben. Die Häufigkeit wird auf 1:22'000 geschätzt. Typischerweise kommt es bei einem zunächst gesunden Kind im ersten Lebensjahr zu grossen (Grand Mal) Anfällen oder Anfällen, die nur eine Körperhälfte betreffen (die Seite kann von Anfall zu Anfall wechseln). Diese Anfälle dauern oft besonders lange (meistens mehr als 20 Minuten) und sind oft nur mit Medikamenten zu stoppen. Die Anfallsunterbrechung ist vor allem im Kleinkindalter sehr schwierig, was sehr häufig eine sofortige notfallärztliche Intervention erfordert. Begleitend oder später können neben tonisch-klonischen oder fokalen Anfällen auch Myoklonien oder Absencen hinzukommen. Die Häufigkeit der Anfälle nimmt im Erwachsenenalter tendenziell ab. Die Prognose hinsichtlich der geistigen Entwicklung ist oft ungünstig. Die Therapieresistenz dieses Krankheitsbildes stellt die Ärzte und die Eltern vor grosse Herausforderungen.

Verlauf der Erkrankung

Das Spektrum innerhalb des Dravet Syndroms ist sehr gross. Der Verlauf ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Anfangs zeigt das EEG selten Auffälligkeiten, später ist es oft verlangsamt und es finden sich „epilepsietypische“ Veränderungen. Die Entwicklung des Kindes ist in der Regel bis zum Beginn der Erkrankung normal. Danach verlangsamt sich die psychomotorische Entwicklung in den meisten Fällen. Die Sprachentwicklung ist meist verzögert. Andere Symptome und Verhaltensauffälligkeiten können hinzukommen. Die Prognose hinsichtlich der kognitiven Entwicklung und Anfallshäufigkeit ist sehr unterschiedlich, in der Mehrzahl der Fälle leider ungünstig. Es gibt Verläufe mit keiner (untypisches DS) oder nur einer milden kognitiven Beeinträchtigung, andere mit einer mittleren bis schweren geistigen Behinderung. Es wird vermutet, dass nicht nur die epileptische Aktivität, sondern auch genetische und bisher unbekannte Faktoren in der geistigen Entwicklung der betroffenen Kinder eine Rolle spielen.

Anfallsauslöser

Der häufigste Anfallsauslöser bei kleinen Kindern ist ein rascher Wechsel der Umgebungstemperatur (z.B. warmes, kaltes Bad), heisses Klima oder eine Veränderung der Körpertemperatur (z.B. Fieber). Manchmal führt auch eine nur leichte Erhöhung der Körpertemperatur (>37.5°C) zu einem Anfall. Fieber muss deshalb immer sofort behandelt werden. Neben körperlicher Anstrengung und Übermüdung sowie Infekten (mit und ohne Fieber) können auch Aufregung, Lärm oder visuelle Reize (Foto- resp. Lichtempflindlichkeit/Mustersensibilität) zu Anfällen führen. Es können jedoch auch Anfälle ohne jeglichen Auslöser auftreten.

Mehr als nur Anfälle

Kinder mit einem Dravet Syndrom leiden oft auch an zusätzlichen Symptomen, welche einer adäquaten Behandlung bedürfen. Zu diesen zählen: Verhaltensauffälligkeiten wie Aufmerksamkeitsstörungen, oppositionelles Verhalten, autistische Züge, verzögerte Sprachentwicklung (verwaschene Sprache), Ataxie (Gangunsicherheit), orthopädische Probleme, motorische bzw. Gleichgewichtsprobleme, Hypotonie (niedriger Muskeltonus), chronische Infekte, Wahrnehmungsstörungen sowie Störungen des autonomen Nervensystems. Einige dieser Symptome können eventuell durch die medikamentöse Therapie begünstigt oder verstärkt werden (mögliche Nebenwirkungen der Antiepileptika).

Ursache

Die Ursache beruht in der Mehrzahl der Fälle auf einer Mutation (Veränderung) oder einer Deletion (Verlust) des Gens SCN1A auf dem Chromosom 2. Bei mindestens 80% der klinisch diagnostizierten Fälle lassen sich mit einem molekulargenetischen Verfahren eine Mutationen oder Deletion in diesem Gen nachweisen. Das SCN1A-Gen enthält den Bauplan für ein Eiweiss der Untereinheit Alpha eines spannungsabhängigen Natriumkanals, welches für die normale Funktion des Gehirns nötig ist. Bei Kindern mit Dravet Syndrom kann das Eiweiss, das dazu beiträgt, dass der Informationsfluss von einer Nervenzelle (Neuron) zu einer anderen funktioniert, nicht oder nur unvollständig produziert werden. Natriumkanäle haben generell eine grosse Bedeutung für den Erregungszustand der Zellen im Gehirn, der Muskulatur und dem Herzen. Beim Dravet Syndrom kommt es also wegen der schlechten Funktion des Natriumkanals oder durch sein Fehlen zu Störungen bei der Übermittlung von Informationen zwischen den Nervenzellen, und das verursacht epileptische Anfälle und eine verzögerte Entwicklung.

Obwohl es sich also um eine genetische Krankheit handelt, ist das Dravet Syndrom in den meisten Fällen nicht durch die Eltern vererbt, d. h. die Mutation des Gens SCN1A tritt spontan (neu) beim Kind auf (man spricht von einer Mutation de novo).

Therapie

Das Dravet Syndrom ist eine therapieresistente (refraktäre) Epilepsie. Die Behandlung gestaltet sich schwierig, es gibt nur wenige Medikamente (Antiepileptika), die die Anfallssituation beim Dravet Syndrom verbessern können. Es wurde festgestellt, dass Antiepileptika, die hauptsächlich oder ausschliesslich durch Hemmung von Natriumkanälen wirken, beim Dravet Syndrom eine Verschlechterung auslösen können. Bewährt haben sich Antiepileptika, die die hemmende Effektivität der Internneuronen verstärken, wie Valproat, Clobazam, Stiripentol, Brom oder Topiramat. Häufig wird eine Kombinationstherapie von mehreren Medikamenten benötigt. Da eine Anfallsfreiheit allerdings kaum erreichbar ist, sollten Dosissteigerungen immer gut abgewogen werden. Ebenso kann die ketogene Diät wirksam sein. Ein VNS (Vagus Nerve Stimulation) ist eine weitere Option, welche vermehrt bei therapieresistenten Epilepsien und auch Patienten mit dem Dravet Syndrom eingesetzt wird. Individuell wird der behandelnde Arzt bzw. die entsprechende Abklärungsstelle entscheiden, ob eine Förderung durch heilpädagogische Früherziehung, Logopädie und Ergo-/Physiotherapie sinnvoll ist.

Kontraindizierte Antiepileptika

Diese Medikamente dürfen bei Personen mit einem Dravet Syndrom nicht verabreicht werden, da sie die Anfallssituation verschlimmern können: Carbamazepin (Tegretol, Timonil), Lamotrigin (Lamictal), Vigabatrin (Sabril), Phenytoin (Dilantin, Phenhydan).

Das interdisziplinäre Team

Beim Dravet Syndrom sind typischerweise viele Aspekte betroffen. Deshalb ist ein offener Austausch zwischen den involvierten Fachpersonen und den Eltern wichtig, um das betroffene Kind so früh und so optimal wie möglich fördern zu können. Zum interdisziplinären Team gehören: Kinderarzt/Hausarzt, Neurologe, Medizin (Pflege), Neuropsychologe sowie die Fachpersonen aus heilpädagogischer Früherziehung und Erziehungsberatung, Kindergarten/Schule, Logopädie, Physio-/Ergotherapie und Sozialberatung. Regelmässige Austauschtreffen mit den Eltern und allen involvierten Personen sind sehr zu empfehlen - für das Wohl des Kindes.




Interview über das Dravet Syndrom
mit der Neuropädiaterin Dr. med. Judith Kröll vom Schweizerischen Epilepsiezentrum in Zürich - Ergänzend zum Bericht über das Dravet Syndrom bei Check up - Das Gesundheitsmagazin (Tele Züri) vom 18. Februar 2013